Grundlegende Anmerkungen zur Herangehensweise in der Religion

بسم الله والحمد لله
والصّلاة والسّلام على رسول الله وآله وصحبه ومن والاه، وبعد:

Die vorliegende kurze Schrift soll dazu dienen, die grundlegende Herangehensweise beim Umgang mit islamischen Quelltexten durch die Nennung der wichtigsten Punkte zu verdeutlichen.

Beim kurzen Umfang dieser Schrift ist es klarerweise nicht das Ziel, das Thema umfassend abzuhandeln. Es geht wie gesagt nur um eine kurze Erklärung des angesprochenen Themas.

Demnach kann die grundlegende Vorgehensweise beim Umgang mit islamischen Texten durch die folgenden Punkte zusammengefasst werden:

1) Der Qur’an und die Sunnah sind die Grundlage und die primären Quellen bzw. Rechtsquellen im Islam.

2) Sunnah bedeutet hierbei alles, was vom Propheten ﷺ mit einer korrekten Überlieferungskette überliefert wurde.

3) Alle anderen Rechtsquellen, auch der Konsens der Prophetengefährten رضي الله عنهم, folgen dem Qur’an und der Sunnah. Sie sind in dieser Hinsicht keinesfalls eigenständige Quellen, sondern beziehen den Beweis immer aus dem Qur’an und der Sunnah. Sollte es in einer Sache einen klaren Konsens geben, wobei der Beweis aus der Sunnah nicht vorliegt, so würde dies bedeuten, dass der entsprechende Text uns nicht direkt erreicht hat. Trotzdem kann es nicht sein, dass die Gefährten so etwas von sich selbst aus gesagt hätten und sich darüber hinaus sogar noch einig wären.

Anders ausgedrückt: Die Gefährten رضي الله عنهم müssen den Beweis vom Propheten ﷺ erhalten haben, auch wenn uns dazu keine Überlieferung erreicht hat. [1]

4) Wenn ein Gefährte des Propheten ﷺ etwas über den Islam aussagt, das ohne Offenbarung nicht gewusst werden könnte, dann entspricht dies einer Überlieferung vom Propheten ﷺ selbst (fi Hukmi l-marfūc) – natürlich nur, wenn diese Aussage von jenem Gefährten auch korrekt überliefert wurde. Diese Frage ist in der Hadith-Wissenschaft allgemein bekannt.

Selbstverständlich gilt auch hier das beim „Konsens der Gefährten“ Erwähnte: So eine Aussage hat nur deshalb den Stellenwert einer Aussage des Propheten ﷺ, weil der Gefährte sie nur von ihm gehört haben kann.

Aus dem Gesagten ist verständlich, dass damit nicht jene rechtlichen Angelegenheiten gemeint sind, in denen die Gefährten selbst unterschiedlicher Meinung waren, da sie zu diesen Meinungen ihrerseits durch Rechtsableitung (Ijtihād) kamen, weil es keinen eindeutigen Text dafür gab. Meinungsunterschiede in solchen Fragen sind legitim und unvermeidlich.

5) In den ersten Generationen (Salaf) رحمهم الله gab es einen allgemeinen Konsens über die Glaubensinhalte.

Vor allem zählen hierzu Aussagen wie, dass der Iman[2] auch Taten umfasst und dass er sinkt und steigt. Ebenso die Konsens-Haltung über die Eigenschaften Allahs سبحانه وتعالى, dass diese Ihm genau so zugeschrieben werden müssen, wie sie in den Texten erwähnt sind.

Dies schließt ein, die Eigenschaften nicht zu negieren (Tactīl), sie nicht mit falschen Bedeutungen und auf unerlaubte Weise auszulegen (Tahrīf[3]) und nicht eine der Eigenschaften mit den Eigenschaften der Geschöpfe gleichzusetzen oder zu behaupten sie würden den Eigenschaften der Geschöpfe ähneln (Taschbīh und Tamthīl).

Ebenso behaupteten sie nicht, man könne die Bedeutung der genannten Eigenschaften gänzlich nicht verstehen und dürfe deshalb überhaupt keine Aussage über diese Texte fällen (Tafwīd).[4]

Der Text ist also genau so anzunehmen, wie er in den Quellen genannt wird, ohne die wahre Natur dieser Eigenschaft begreifen zu wollen, da dies dem Menschen unmöglich ist.

6) Diesen Konsens der ersten Generationen in derartigen Glaubensfragen in Zweifel zu ziehen, führt unweigerlich zum Zweifel über die Authentizität des Qur’an und somit zum Zweifel über den Islam.

7) Das alles bedeutet nicht, dass die Gefährten, und noch weniger diejenigen, die nach ihnen kamen, fehlerfrei wären. Fehler von Einzelpersonen sind durchaus vorgefallen und überliefert, jedoch hebt der Fehler einer Einzelperson nicht die Dinge auf, in denen sich hunderte oder tausende der bedeutendsten Gelehrten der ersten Generationen einig waren. Der Fehler des Einzelnen wird in so einem Fall definitiv als Fehler und nicht als eigenständige, legitime Meinung angesehen.

8) Wird ein Hadith von einer einzelnen einwandfreien Kette überliefert, so ist der Muslim verpflichtet, ihn anzunehmen, egal ob in Glaubensgrundlagen oder in anderen Bereichen. Das bezieht sich also auf die Frage der Definition des Islam und des Monotheismus (Tauhid, Iman, Islam) und der Gegensätze dazu (Schirk, Kufr), genauso wie auf Hadithe in anderen Bereichen.

Kein Zweifel also, dass die Hadithe angenommen und angewendet werden müssen und es niemals zulässig wäre, die eigenen Ideen über den Text zu stellen.

Anmerkung: Alles in den letzten Punkten Gesagte zeigt, dass es grundsätzlich eine gute Entwicklung ist, wenn sich die Menschen beim Studium des Islam mehr und mehr auf den Qur’an, die Sunnah und die Aussagen der Salaf, der ersten drei Generationen, konzentrieren und zu diesen zurückkehren. Solange dies mit Wissen und Vernunft geschieht, ist es auf jeden Fall zu unterstützen. Wenn es aber mit Unwissenheit, Dummheit und dem Eifer nach der hohen Stellung in den Augen der Menschen geschieht, so ist es immer verächtlich und abstoßend, ganze egal welche Inhalte vermittelt werden.

Zudem sollte darauf hingewiesen werden, dass dazu sowohl das richtige Verständnis der (arabischen) Aussagen der alten Gelehrten erforderlich ist, als auch die Fähigkeit, die Stärke von Überlieferungen einzuschätzen, sowie andere ähnliche Faktoren.[5]

9) Jede Rechtsableitung nach eigenem Verständnis (Ijtihād) ist unerlaubt und ungültig, wenn ein klarer Text (Nass) vorliegt – wenn dieser korrekt überliefert und eindeutig in seiner Aussage ist.

Umso weniger ist es erlaubt, dem Text mit bloßer Philosophie zu widersprechen. Die Gelehrten der ersten Generationen waren sich darüber einig, dass die Befassung damit verächtlich ist und keinesfalls für die Beweisführung in der Religion taugt.[6]

Das bezieht sich im Besonderen auf die zuvor schon allgemein erwähnten Glaubensinhalte. Aufgrund dieses verächtlichen Philosophierens im Widerspruch zum klaren, eindeutigen Beweis spalteten sich die Menschen schon bald in der Frühzeit des Islam in etliche Richtungen. Diese Spaltungen vertieften sich später. Vor allem ging es dabei um die zuvor als Beispiel angeführten Eigenschaften Allahs سبحانه وتعالى.

Anmerkung: Aus eben genanntem Grund sagte ich schon vor Jahren mehrfach, dass ich es als klare Fehler betrachte:

a), dass man mit der Philosophie argumentiert, um auf die Philosophen zu antworten.

b), dass man die Regeln der Philosophie erlernt bzw. lehrt, mit der Begründung, ein islamisches Wissensgebiet besser zu verstehen, weil viele Autoren dieses Wissensgebiet über Jahrhunderte nur durch diese Regeln erklärt hatten. In erster Linie ist hiervon die Wissenschaft des Usulu-l-Fiqh (Grundregeln des islamischen Rechts) betroffen.

10) Aus dem Gesagten ergibt sich klar, dass allgemein betrachtet auch die Aussagen von Gelehrten niemals als eigenständiger Beweis im Islam zählen können – in dem Sinne, dass man eine solche Gelehrtenaussage keinesfalls einem klaren Beweis aus dem Qur’an und der Sunnah vorziehen dürfte. Darüber gibt es einen Konsens unter den Muslimen von Anbeginn.

والله أعلم
وصلّى الله على نبيّنا محمّد وآله وصحبه ومن والاه

والحمد لله ربّ العالمين

 

—— Fußnoten:

[1] Es wurde hier also deutlich erklärt, was in Bezug auf die weiteren Quellen, wie vor allem den Konsens der Prophetengefährten, mit „keinesfalls eigenständige Quellen“ gemeint ist. Nämlich, dass niemand von den rechtschaffenen Muslimen der ersten Generationen (Salaf) jemals etwas über den Islam behauptet hätte, ohne dafür einen Beleg aus dem Qur’an und/oder der Sunnah zu kennen.

Anders gesagt: Die Salaf schrieben dem Din (der Religion) ausnahmslos nur dann etwas zu, wenn sie einen klaren Anhaltspunkt hatten, dass es von Allah سبحانه وتعالى und/oder seinem Gesandten ﷺ mitgeteilt wurde. Nur deshalb gingen sie überhaupt erst davon aus, dass es ein Teil von diesem Din ist.

In diesem Sinne sind alle Quellen, die über den Qur’an und die Sunnah hinausgehen, nicht eigenständig, sie können also nicht für sich selbst stehen. (Daher auch das Wort „eigen–ständig“)

Das heißt jedoch nicht, dass der Muslim, wenn er z.B. von den Prophetengefährten oder den ersten Generationen einen Konsens in einer Glaubensfrage vorfindet, den Inhalt erst dann annehmen kann, wenn er den speziellen Text dafür aus dem Qur’an oder der Sunnah des Propheten ﷺ zu Gesicht bekommt.

Auch dies wurde im obigen Text klar und deutlich erklärt und in dieser kurzen Schrift nochmals am konkreten Beispiel der Haltung der Salaf beim Thema der Eigenschaften Allahs gezeigt.

Obwohl es mehrfach deutlich erklärt wurde, gibt es manche Leute, die sich richtiggehend anstrengen, das Gesagte falsch zu verstehen und die Aussage zu verdrehen, weshalb es angemessen schien, diese zusätzliche Erklärung hinzuzufügen.

Zusätzlich sei darauf hingewiesen, dass mit dem obigen Text ebenfalls nicht gemeint ist, dass ein Muslim in keiner Frage Taqlīd machen dürfe. Mit Taqlīd ist gemeint, dass man die Aussage einer Person oder Personengruppe über einen Inhalt des Islam annimmt, ohne den speziellen Beweis zu kennen.

Dies wurde in Bezug auf die Glaubensinhalte, die von der Gesamtheit der frühen Muslime vertreten wurden, bereits verdeutlicht.

Darüber hinaus ist aber z.B. auch der Taqlīd in einzelnen Fragen des islamischen Rechts (al-Fiqh), in denen es legitime Meinungsunterschiede gibt, eine völlig normale und für die allermeisten Muslime unumgängliche Sache.

[2] Der Iman ist der Glaube, einschließlich aller damit verbundenen innerlichen und äußerlichen Taten und Aussagen.

[3] Das Wort Ta’wīl – auch wenn es sich im späteren Sprachgebrauch hierfür durchgesetzt hat – wäre an dieser Stelle aus mehreren Gründen unpassend bzw. sogar unzulässig.

[4] Ein genaueres Verständnis dieser Dinge würde Beispiele und Aussagen erfordern und das geht weit über den Rahmen dieser kurzen Schrift hinaus.

[5] Jeder, der meine Bücher kennt, weiß, dass ich im Zuge der Beweisführung seit jeher ausschließlich mit Qur’an und Sunnah argumentiert habe. Um dieses Ziel zu verwirklichen, erwähnte ich grundsätzlich zwischen solchen Beweisen bewusst keine Aussagen von Gelehrten, damit den Menschen klar wird, dass der eigentliche Beweis immer aus dem Qur’an und der Sunnah stammen muss.

Dass ich die Aussagen der ersten Generationen nur selten anführte, hat keinesfalls etwas mit einer allgemeinen Geringschätzung oder Abscheu gegenüber ihren Aussagen zu tun. Ich ließ sie also nicht vorsätzlich weg, weil ich sie nicht mag, sondern weil ich damals wegen der schweren Umstände keine Möglichkeit hatte, eine Arbeit noch größeren Umfangs zu machen.

Ich hatte nicht die Möglichkeit, noch mehr Zeit in meine Bücher zu investieren aufgrund meiner schweren Umstände über diese Jahre. Mein Ziel war es stets, so schnell wie möglich mit der Autorentätigkeit im Deutschen abzuschließen.

Deshalb erschien es mir sinnvoller, zumindest das zu erwähnen, was den Menschen nützlich sein kann, anstatt es völlig zu unterlassen.

Das heißt jedoch sicher nicht – wie manche offensichtlich annehmen wollen –, dass ich die Aussagen der Salaf völlig außer Acht ließ. Tatsächlich habe ich diese Bücher aus zahlreichen Aussagen ebendieser Gelehrten und ihren Erklärungen zu den Qur’an-Versen zusammengetragen. Dass ich sie nicht erwähnt hatte, erlaubt nicht den Schluss, dass diese Dinge aus bloßem Philosophieren oder aus inkorrekten Methoden entstanden sind.

An vergleichsweise wenigen Stellen erwähnte ich, z.B. bei biografischen Angaben über Gelehrte oder Überlieferer, auch einige Zitate späterer Gelehrter und begnügte mich damit – jedoch niemals im Rahmen der Beweisführung. Oft einfach auch deshalb, weil diese ihrerseits in jenen Zitaten etliche Aussagen der ersten Generationen überlieferten! In so einem Fall ging es dabei also um diese Aussagen, nicht um jenen, der sie zitiert.

Ich habe bereits an anderer Stelle erklärt, dass mir dabei nicht alles bekannt war, was einige dieser Autoren sonst in ihren Büchern teilweise an falschen Inhalten erwähnen.

Wer meine neueren Schriften seit 2019 betrachtet, der wird deutlich sehen, dass ich mich in diesen Schriften damit begnüge, nur noch die frühesten Quellen anzuführen.

Aus Gründen, die ich an anderer Stelle verdeutlicht habe, ziehe ich es vor, mich nicht mehr auf die Aussagen späterer Gelehrter zu stützen. Ich halte es jetzt für wichtiger, das Gewicht auf die möglichst frühen Texte zu legen.

In dieser Hinsicht habe ich meine Methode definitiv verändert, was sich in sha Allah auch in zukünftigen Publikationen zeigen wird, sofern mir Allah dazu die Möglichkeit gibt.

[6] Wer mich bzw. meine Schriften nur einigermaßen kennt, der weiß, dass ich seit 15 Jahren oder mehr immer eine tiefe Verachtung gegenüber solchen Vorgehensweisen hatte. Deshalb zitierte ich bereits in Schriften vor mehr als einem Jahrzehnt (etwa 2007) Aussagen von frühen Gelehrten zu genau diesem Thema.